Misstraut den Tablets! – aber traut den Pädagog/innen!

Misstraut den Tablets! – aber traut den Pädagog/innen!

Misstraut den Tablets! – aber traut den Pädagog/innen!

MEINE GEGENREDE zu einem Artikel der Frankfurter Allgemeine, Beruf&Chance. Sie schreibt am 6. März 2015:

„Das iPad soll die Schulbildung verbessern. Wenn es doch so einfach wäre! Denn ist es wirklich besser, wenn Kinder von Maschinen lernen, und nicht von Menschen? Eine Gegenrede.“

Ja, der Dialog bringt uns weiter. Herr Jan Grossarth, dialogisch heißt für mich, dass ich Ihre Argumente aufnehme, sie verstehen will, vielleicht auch die Zwischentöne orten kann. So sehe ich in Ihren Ausführungen sehr wertvolle Ansätze für einen sinnvollen – und vor allem pädagogischen – Einsatz von Tablets im Unterricht. Vorweg gesagt, haben Sie meine vielleicht allzu rosarote Brille eine wenig beschlagen. Das ist gut so.

So erging es dem Buch, das den Dialog durch die Schrift verdrängte:

„Dieser Lehrgegenstand, o König, wird die Ägypter klüger und gedächtnisfester machen, denn als Mittel für Gedächtnis und Wissen ist er erfunden worden.“
Der König: Das Geschriebene sei kein Gesprächspartner. Wenn man etwas frage, „antwortet es immer das Gleiche“; es könne nicht Auskunft geben. Wie ein Kind bedürfe es eines Vaters,
um sich zu erklären.

(Quelle: Sokrates erzählte Phaedrus eine Geschichte über
Thamus und Gott Theuth) [1]

 

Tablets und die Apps haben aus meiner Sichtweise wenig mit Technik zu tun, da die Bedienung, das Handling eben, eher intuitiv passiert und kaum Zeit in Anspruch nimmt. Hier stelle ich einen unbekümmerten Zugang bei SchülerInnen fest, die nicht wie wir erlernte Routinen zuerst verlernen müssen (haben wir doch zunächst sehr intensiv die Bedienungsanleitungen gelesen,…).

Das Tablet am Schülertisch reihe ich wie das Heft, den Lückentext, das Buch, das Lexikon ein. Es findet dann seinen pädagogisch begründeten Einsatz, wenn die Aufgabenstellung dies erfordert. Die „Lufthoheit“ darüber hat jedoch immer der Pädagoge/ die Pädagogin.

Bei den Apps sehe ich grundsätzlich drei große Gruppen:

  • Apps als Lernprogramme zum Wiederholen, zum Üben, zum Festigen (hohes Maß an Individualisierung nach den Bedürfnissen der SchülerInnen),
  • Apps als Wissenspool für den situativen Unterricht (Themen, die SchülerInnen besonders interessieren, Bilder, Videos und Informationen werden ad hoc in das Klassenzimmer geholt), recherchieren, Antworten auf Fragen der SchülerInnen zu suchen, Vertiefungen in den jeweiligen Lerngegenstand nach Talent, Begabung, Interesse oder Lernprozess,
  • Apps als Treiber für Kreativität (einer Schlüsselkompetenz für zukünftige Arbeitsplätze)
    – eigene digitale Bücher mit Text, Bild (Video) und Ton erstellen,
    – Präsentationen mit Aufzeichnungsmöglichkeit vorbereiten,
    – Grafik-Apps, Musik-Apps und Kreativ-Apps anwenden.
    – technikgestützte Kreativität nutzen

„Wir haben kein Erkenntnisproblem, eher ein Umsetzungsproblem.“ Scheitern wir an Verhinderungspraktiken?

Sie führen in Ihrer Gegenrede den Satz an: „Je früher das Tablet benutzt werde, desto höher die ‚Qualität der Bildung‘“. Das kann ich auch nicht stehen lassen, denn Sätze wie diese sprechen nicht PädagogInnen aus, sondern Tablet-Hersteller, die ein Verkaufsargument suchen und den pädagogischen Mehrwert als Promotion mitliefern.

An diese Stelle sage ich, dass mein Team und ich nunmehr seit zwei Jahren Schulen Tablets für einen einmonatigen Zeitraum zur Verfügung stellen (www.connected-kids.at). Wir sind dabei, Türöffner an Schulen zu sein. Die PädagogInnen machen die ersten digitalen Gehversuche und die SchülerInnen reagieren auf positivste Art und Weise durch eine hohe Lernbereitschaft, durch eine enorme Motivation für das Lernen und durch eine massive Reduktion von Verhaltensauffälligkeiten. Ich kann auf keine Studie für „Connected Kids“ verweisen, sehe aber, wie die große Forderung nach „Individualisierung“, nach „eigenverantwortlichem Arbeiten“ ein ‚WIE‘ MACHE ICH ES als Antwort bekommt. Nehmen Sie ein einfaches Beispiel:

Zuerst muss ich sagen, dass es nichts Schöneres gibt, als Pädagoge zu erleben, wenn junge Menschen egal welcher Altersstufe etwas können und dieses Können auch zeigen können. Das gelingt mit einem Tablet perfekt, weil hier die Individualität, die individuelle Leistungsfähigkeit maßgeblich für das Lerntempo und das Verstehen ist. Es gibt darüber hinaus auch keine Beschämungskultur mehr, weil nicht alle sehen, wenn man etwas nicht gleich beim ersten Versuch zustande bringt. Stellen Sie sich vor, der Lehrer fragt die SchülerInnen „wie viel ist 7 mal 6?“ und ein Schüler antwortet „48“. Das ist dann für den Schüler sehr unangenehm, weil ihn alle auslachen werden und beim nächsten Mal traut er sich vielleicht nicht mehr mitzuarbeiten. Rechnet er aber mit dem Tablet falsch, bekommt er eine Falschmeldung und weiß, dass er seine Rechnung noch einmal korrigieren muss und kommt so zu seinem Ergebnis. Das ist ein Qualitätssprung.

O.K. Herr Grossarth, hier antwortet die Maschine und nicht der Mensch. Aber ist das nicht in diesem Fall besser so?

Sie stellen richtigerweise fest, dass „SchülerInnen filmen, chatten, googlen sowie so lernen“. Sie gestehen den PädagogInnen zu, dass sie einen refelktierten Umgang mit Medien vermitteln. Können Sie dem Gedanken, das Klassenzimmer quasi auf den Kopf zu stellen etwas abgewinnen (oft liest man den Begriff „flipped classroom“)? Drehen wir den Unterricht einmal um. Die Aufgabe ist gestellt, die SchülerInnen machen sich auf den Weg, die notwendigen Informationen zu suchen (das muss nicht nur im Internet mit dem Tablet sein), sie recherchieren, sie verstehen nicht alles, merken, dass Wissenslücken vorhanden sind. Der entscheidende Punkt kommt jetzt: Sie formulieren ihre Fragen, stellen FRAGEN an die PädagogInnen, die eine völlig neue Rolle innehaben. (Anm. Haben Sie als Schüler mehr gefragt oder doch mehr geantwortet?) Dieser eigenständige und eigenverantwortliche Erwerb von Wissen zu einer Aufgabenstellung macht SchülerInnen fit für ein zukünftiges Studium, den Beruf und für eine aktive Teilhabe an einer demokratischen Wissensgesellschaft.

Zurück zu den Tablets und warum ich glaube, dass sie ihren wichtigen Platz im Klassenzimmer haben.

Lernen mit Tablets in Klassenzimmern gibt Antworten auf das WAS (Inhalte des Lernens) und das WIE (Modalität des Lernens). Dabei werden Inputs in vier pädagogischen Dimensionen angepeilt:

  • Wissen-Lernen (kognitive bzw. reflexive Erfahrungsprozesse ermöglichen)
  • Können-Lernen (praktisches Handlungs- und Interaktionswissen erwerben)
  • Leben-Lernen (biographisches, soziales und kulturelles Lernen üben)
  • Lernen-Lernen (das WIE des Lernens lernen)

Durch die neuen Technologien haben sich Arbeitswelt, aber auch Privatleben – somit das Lebensumfeld von SchülerInnen – massiv verändert: die Formen wie sie sich Informationen verschaffen und Information geben, miteinander kommunizieren, sich vernetzen, zusammenarbeiten, einkaufen…

Für viele Kinder und Jugendliche gehören Internet, Smartphones, Tablets, Facebook, Google& Co heute zum täglichen Leben. Dennoch existiert der „digitale Gap“ zwischen Schule/ Klassenzimmer und Alltag/ Freizeit der SchülerInnen. Die Aufgabe der PädagogInnen sehe ich genau an dieser Schnittstelle: Das Alltagserleben mit Smartphones und Tablets im Klassenzimmer zu integrieren – somit wird die Alltagswelt der SchülerInnen in die Schule gebracht – mit den Lernprozessen, die das Curriculum vorgibt, verknüpft. Das kann auch als „Interaktivität“ zwischen Schule und Alltag der Schüler/innen bezeichnet werden.

Trauen wir den PädagogInnen zu, dass sie verantwortungsvoll digitale Medien im Unterricht einsetzen, vertrauen wir auch darauf, dass der Austausch der schwarzen, gegen eine grüne oder weiße Tafel KEINEN anderen Unterricht macht. Auch eine Tablet-Klasse macht noch keine neue Schule. Die PädagogInnen sind gefordert, ihre Unterrichtsroutinen zu reflektieren und den neuen Gegebenheiten anzupassen, da nicht anzunehmen ist, dass morgen die digitalen Medien verschwinden.

Die Fragestellung in dieser Diskussion „Wollen oder wollen wir nicht Tablets &Co“ muss daher heißen: „WIE wollen wir Tablets &Co pädagogisch wertvoll für SchülerInnen im Unterricht einbauen.“

PädagogInnen werden nie zu Robotern – meine Replik auf Ihren Satz „Doch wenn sich die Lehrer wie Roboter benehmen, müssen sie sich nicht wundern, wenn sie eines Tages ganz von Robotern ersetzt werden.“

[1] Zur Buchstabenschrift: Postman, N. (1992). Technolopoly: the surrender of culture to technology)

 

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